Sozial trotz Distanz

Sozial trotz Distanz

Vergesst die Hamsterkäufe! Statt Egoismus zeigte sich auch in Winterthur, was in Krisen wirklich geschieht: Menschen helfen sich, gestern wie heute.

Simon Schaffer

Auch in Winterthur begannen die Internetleitungen zu glühen. Hunderte organisierten sich und meldeten Hilfe an. Denn sie war nötig, die Hilfe. Eltern hatten plötzlich keine freie Minute mehr, alte und gefährdete Menschen keine Bewegungsfreiheit.

Corona hat das Konzept der Nachbarschaftshilfe reaktiviert. Auch hier ist das Quartierleben zwar oft höflich distanziert. Studien zeigen, dass gerade in urbanen Gebieten zuerst im innersten Zirkel, wie der Familie und Freunden, dann Nachbarn und erst dann Fremden geholfen wird. Aber Corona hat alles irgendwie verschoben. Gerade jetzt waren die Jüngeren am Zug, und die Älteren, jene Generation mit dem höchsten freiwilligen Engagement, wurden passiv. Und ja, es ist nicht einfach, Hilfe anzunehmen.

Wann möchte man keine Nachbarschaftshilfe annehmen?
(Quelle: Datensatz „Nachbarschaftshilfe in Nürnberg“ – © Fromm, S. & Rosenkranz, D., TH Nürnberg 2017 [n = 2070])

Nicht nur Facebook-Gruppen entstanden, auch Plattformen wurden gebaut, um Informationen auszutauschen, Geschäfte zu retten oder mit einem Fremden Hund spazieren zu gehen. Manche nutzten auch schon bestehende Infrastrukturen.

Screenshot  «Nachbarschaftshilfe» der Stadt Winterthur, Anfang April. Es gab deutlich mehr freiwillige HelferInnen als Hilfesuchende. 

Distanzregeln und eine tödliche, unsichtbare Bedrohung. Das gabs auch früher schon. Ähnlich unsympathische Viren gingen schon 1918 richtig hart gegen Winterthur vor. Dabei starben mehrere Tausend Menschen. Es gab Lockdowns, Quartiergruppen und Industriebosse, die um keinen Preis ArbeiterInnen für Hilfsaktionen abgeben wollten.

Dunkle Bilanz: Eintrag vom 31. Dezember 1918.
(Quelle: Stadtarchiv Winterthur, Protokolle der Gesundheitskomission)

Dabei war das Timing echt mies. 1918 tobte der Erste Weltkrieg, die Wirtschaft lahmte und die Gewerkschaften liefen Sturm. Gerade die Gewerkschaften erfüllten zu jener Zeit eine wichtige Funktion, denn sie halfen der ärmeren Bevölkerung mit Geld aus den Streikkassen aus.

Ausschnitt aus dem öffentlichen Adressbuch von 1918: Die Hauspflege leistete mit der Hilfe von Freiwilligen teils überlebenswichtige Hilfe.

Doch wer trug die Krise? Frauen. Mütter, Haushaltshilfen und freiwillige Pflegerinnen. Die Städtische Frauenhilfe und der Samariterverein organisierten Hauspflege, denn wer kümmerte sich um alles, wenn komplette Familien niedergestreckt im Bett fieberten?
Genau.

Auch eigennützigere Angebote gab es Auszug aus dem Landboten vom Sommer 1918

Jetzt stellt sich die Frage: Sind wir also «im Grunde gut», wie der Historiker Rutger Bregman kürzlich in seinem gleichnamigen Buch behauptete? Denn der Volksmund sagt doch so gerne, wenn etwas schlimmes passiert «jeder ist sich selbst der nächste».

«Jein», sagt die Soziologie. In Krisenzeiten steigt unsere Solidarität nochmals stark an. Befragungen von Opfern der Bombardements im zweiten Weltkrieg belegen, dass die Menschen zusammenrückten. Gerade in spontanen Situationen überwiegt die Hilfsbereitschaft oft. Einer der «Helden von Utoya», Marcel Geffe, wurde gefragt, weshalb er mit seinem Boot Menschen von der Insel rettete, noch während der Attentäter schoss: «I just did it on instinct… You dont get scared in a situation like that, you just do what it takes».

Ähnlich klingen Aussagen von New Yorker BootskapitänInnen, die am 11. September 2001 zu hunderten reagierten und zehntausende Menschen von Manhattan Island retteten. Diese Geschichten gehen viel schneller vergessen als Geschichten von Plünderungen und egoistischem Verhalten. Oft erhalten sie von Anfang an weniger Aufmerksamkeit. Und so sagt auch ein Bericht der ETH über Freiwillige im Katastrophenmanagement:» “Members of the public tend to expect that in cases of a disaster, citizens are likely to remain very passive, act chaotically, or even in an anti-social manner.“

Diverse Studien hätten gezeigt, dass es sich bei dieser Wahrnehmung um einen Mythos handle. Und: „In fact, the same research has found that social cohesion in times of disaster is even stronger than in normal times and that many people are willing to engage for common good”. Berühmt wurden zum Beispiel die Plünderungen nach «Hurricane Katrina» 2005. Gerade Journalistinnen und Journalisten sind manchmal anfällig für solche bizarren News. Dabei machen solche Aktionen nur einen kleinen Bruchteil des Geschehens aus.

Bedingungen informeller nachbarschaftlicher Hilfen.
Quelle: Datensatz „Nachbarschaftshilfe in Nürnberg“ – © Fromm, S. & Rosenkranz, D., TH Nürnberg 2017 [n = 1886])

Natürlich sind wir auch eigennützig.  Aber menschliches Verhalten kann sich gegenseitig verstärken. Auch in Richtung Solidarität. Wichtig, in der Nachbarschaft aber auch in der Krise – je mehr wir uns mit einer Gruppe oder einem Ort identifizieren, desto eher sind wir bereit, uns dafür einzusetzen.

Disclaimer:

Dieser Beitrag entstand im Rahmen meiner Bachelorarbeit im Studiengang Kommunikation mit Vertiefung Journalismus am Institut für Angewandte Medienwissenschaften IAM an der ZHAW hier in Winterthur.

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