RADIO STADTFILTER – EINE GESCHICHTE

Es kam von unten: Vereinsgründung und erste Sendemonate (2004 – 2006)

2004: Erste Ideen für ein neues, nicht-kommerzielles Radio in Winterthur geistern durch die Stadt. Eine Handvoll politisch und musikalisch interessierter Personen aus der Alternativkulturszene findet sich zusammen, um der massenkonformen Berieselung der meisten Radios eine selbstbewusste Alternative entgegenzusetzen: mit Musik in all ihrer Vielfalt, mit politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und lokalen Themen, mit den Anliegen der Unangepassten und der Minderheiten.

2005: Gründung des Vereins Radio Stadtfilter. Dauerhaft auf Sendung zu gehen schien damals illusorisch. Doch der Verein beantragte und erhielt eine Konzession für 30 Tage als Radio eines flugs ins Leben gerufenen Musikfestivals. Den ganzen November sendete man aus dem Bandübungsraum einer Privatperson (die heute als puristischer Fahrradbauer bekannt ist). Circa 60 Personen gestalteten ehrenamtlich ein Programm aus Musik(sammlungen diverser Personen), Live-Übertragungen von den Spielen des FC Winterthur, Winterthurer Musik (Live-Konzertübertragungen, Band-Interviews) und Kultur sowie einem selbstproduzierten Weltverschwörungs-Hörspiel («Das Knie»).

2006: Zweiter Sendemonat im Oktober. Wichtigste Neuerung: der «Destillator», ein Politik-, Gesellschafts- und Nachrichtenmagazin, das von einem Team von rund 20 Personen produziert wurde.  Damit war man aber auch an die Kapazitätsgrenze des für Ehrenamtliche Möglichen gestossen. Für die folgenden Jahre wollte man an der Qualität, nicht mehr aber an der Quantität arbeiten.

Plötzlich diese Lautstärke: Ein neues 24-Stunden Radio (2007-2009)

Ende 2006: Der Verband der nicht-kommerziellen Radios der Schweiz UNIKOM macht den Verein darauf aufmerksam, dass ein neues Radio- und Fernsehgesetz beraten wird. Die auf längere Zeit einmalige Chance, eine neue, feste Radiofrequenz für Winterthur zu bekommen!

2007: Weitere Sendemonate werden zurückgestellt, stattdessen: Lobbyarbeit. Über 2000 Unterschriften werden gesammelt, die stadtpolitischen Stellen und „die grossen“ Kulturträger bearbeitet, mit einzelnen Veranstaltungen (ein Tag lang Radio im Casinotheater) wird auf Stadtfilter aufmerksam gemacht. Monatelanges Erarbeiten eines über 100 Seiten starken Konzessionsantrags. Übergabe ans Bundesamt für Kommunikation am 3. Dezember.

2008: Konzessionszuschlag im Sommer. Fest am Graben mit Live-Performances in einem riesigen Holzradio. Grosse Freude. Noch mehr Arbeit. Suche nach geeigneten Räumlichkeiten. Aufbau eines einigermassen regelmässigen, übersichtlichen Programmrasters und einer Redaktion. Man fällt den nicht unumstrittenen Entscheid, zur Umsetzung des Programmauftrags eine Aktiengesellschaft zu gründen. In der der Verein freilich die 2/3-Stimm-Mehrheit hat.

2009: Man fällt den nicht unumstrittenen Entscheid, ein Angebot der Volkart-Stiftung anzunehmen und ins Haus in der Turnerstrasse 1 einzuziehen. Einbau eines Radiostudios im 3. Stock. Sendestart am Samstag, 7.3., 00 Uhr, mit einer Party im aus den Nähten platzenden Gaswerk und dem ersten Lied „Rock ‚n‘ Roll Radio“ von den Ramones.

Wir sind jetzt echt: Der Radiobetrieb (2009-????)

Stadtfilter startet mit 6 Redaktoren und 2 Koordinatoren in Teilzeitpensen (insgesamt 360 Stellenprozent) als „Lokal-, Kultur-, Ausbildungs- und HörerInnenradio“. Der Aufbau des Programms hat sich seit Beginn als erstaunlich stabil erwiesen. Die Redaktion verantwortet in Teilen oder zur Gänze die Sendungen „Morgomat“, „High Noon“ und „Politur“ (seit 2015 die Nachfolgesendung des „Destillator“). Der gewaltige Rest wird von rund 200 freiwilligen SendungsmacherInnen, Experten, Freaks, Hobbygruppen, Radiobegeisterten unentgeltlich geleistet. Und, knapp zur Hälfte, von Musik-Playlists aus der Musikredaktion.

Am frühen Abend kommen fremdsprachige Sendungen („Weltempfänger“) und Sendungen mit hohem Sprechanteil zu Kultur, Sport, Wissen. Die Nacht gehört den Musikexperten aus Indie, Rock, Rap, Metal, Elektronik, Funk und allen anderen Stilen, Unterstilen und Unterunterstilen.

Vor allem am Wochenende gibt es Spezialsendungen für SeniorInnen, KlassikliebhaberInnen, FCW-Aficionados (die ungebrochen beliebten Live-Spiele) und viele mehr. Der Alltag Winterthurs wird im „Quartierradio“ eingefangen.

Die Zahl der Veranstaltungen ausserhalb der ehrwürdigen, aber gewissermassen unsichtbaren Studioräume wuchs ständig. Stadtfilter schmeisst u.a. Feste, Konzerte, widerständige Revuen, Themenwochen und mehr und arbeitet mit vielen anderen Veranstaltern in Winterthur zusammen (Kurzfilmtage, Musikfestwochen, Fussballkultur, Eidberg Openair u.v.m.), oft auch als Live-Übertragungen.

Die Technik für die zwei Studios (Aufnahme- und Sendestudio) wird laufend angepasst, der Hang zur Digitalisierung aller Lebensbereiche macht ganz sicher nicht vor Radios Halt. Es türmen sich die Mischpulte, Computerstationen, Mikrofone. 2014 kam der neue Sendestandard DAB+.

Seit 2009 haben über 30 Personen in Koordination und Redaktion gearbeitet. Es sind intensive und eher mittelgut bezahlte Stellen, der Durchlauf ist hoch. Die Diskussion darüber, was ein solches Radio leisten soll und auch kann, endet nie. Aber Stadtfilter ist eine Erfolgsgeschichte: Stand Januar 2017 gibt es 460 Stellenprozent plus einen freien Technikvertrag (etwa 30 Stellenprozent), auch die Löhne konnten geringfügig erhöht werden.

Bei all dem Irrsinn gilt es, die ursprüngliche Idee nicht zu vergessen: „der massenkonformen Berieselung der meisten Radios eine selbstbewusste Alternative entgegenzusetzen. Mit Musik in all ihrer Vielfalt, mit politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und lokalen Themen, mit den Anliegen der Unangepassten und der Minderheiten.“

Stadtfilter.net